Auf ein Neues!

18.11.2021

Salzstange statt Zigarre ;-)

Auf ein Neues - wir brechen wieder auf


Geduld ist angeblich die Pforte zur Freude

 - in unserem Fall stimmt das zumindest teilweise. Wir warten trotz zunehmender Kälte nochmal ein paar Tage in der Bucht des galizischen Städtchens Baiona ab, bis uns das Wetter gute Windbedingungen für einen erneuten Start bietet. Und dann ist es soweit: Für den 11.11.21 sind moderate Winde aus westlicher Richtung voraus gesagt. Das ist unsere Chance gen Süden aufzubrechen!

Gut gelaunt, aber konzentriert,

tuckern wir mit der Feuerkraft unserer 80 Jahre (!) alten 300 PS Dieselmaschine aus der Bucht auf das offene Meer hinaus. Und schon nach wenigen Seemeilen ist er da - der Wind, von dem wir uns treiben lassen möchten.

Die Segel werden gehisst, der Motor abgestellt und ja, es ist dieses mal ganz anders! Die Erleichterung ist in jedem Gesicht in das ich schaue zu sehen. Der Wind ist gut, der Seegang moderat. Mir wird nochmal bewusst wie außergewöhnlich schwierig unser Startversuch acht Tage zuvor war!

Midi statt Maxi

Die See bewegt sich heute in langgezogenen, max. 2 - 3 Meter hohen Wellen, was weder das Schiff noch die Besatzung nennenswert aus der Balance bringt. Ich bin sehr froh zu merken, dass mein Körper mit dieser Art zu Segeln kein Problem hat. Zur Vorsicht hatte ich mir allerdings vor dem Start von Anna noch eine Akupunkturnadel in die Ohrmuschel setzen lassen. Da gibt es einen Reizpunkt über den man auf den Gleichgewichtssinn und den Magen Einfluss nehmen kann.

Männerschreck durch Kastration

Anna ist übrigens unser Männerschreck! Nee, nicht so wie Du vermutlich denkst - sie ist ne ganz liebe und sehr schön anzusehende junge Frau. Anna hat das Talent sich intuitiv in medizinische Dinge schnell einarbeiten zu können. Sie hat in den vergangenen Jahren in Togo und Bulgarien sowohl bei Menschen wie auch bei Tieren unzählige Male geholfen. Bei schwierigen Geburten, offenen Wunden und Operationen.

Als Kolani vor ca. 3 Jahren vom Pferd stürzte und sich den Ellbogen auskugelte, hatte sie diesen mit beherztem Griff wieder eingerenkt. Sie hatte damals in Togo einem Tierarzt assistiert, der einige unserer Pferdehengste kastriert hatte. Von da an führte sie diese Operation unzählige Male selber durch. Bei Hengsten, Stieren, Böcken, Rüden... deshalb Männerschreck!

Erwischen kann`s jeden!

Unser Segel-Tag verläuft ausgesprochen gut, nur wenige der Crew haben mit leichten Symptomen der Seekrankheit zu tun. Das liegt völlig im Bereich des Üblichen. Von allen erfahrenen Fahrtenseglern die wir kennen hören wir, dass der Körper ein bis drei Tage braucht, um sich an die Schaukelbewegung zu gewöhnen. Heute hat es sogar Bastian, einen unserer zwei Kapitäne, erwischt. Etwas bleich um die Nase zieht er sich mal für eine Stunde zurück um zu Ruhen. Schlafen hilft erstaunlich gut um den Gleichgewichtssinn wieder in Balance zu bringen.

Bei Tag - und Nacht!

Mittlerweile ist es Abend geworden, unsere erste Nachtfahrt steht bevor. Die Kapitäne haben einen Schichtplan erstellt wonach immer vier Personen zusammen für drei Stunden das Schiff am Fahren und unter Kontrolle halten, während alle anderen schlafen. Es ist schon gewöhnungsbedürftig nicht wirklich zu sehen wohin man fährt! Als an gutes Fernlicht gewohnter Autofahrer muss ich mich ordentlich umstellen, um mit dem Mondschein und dessen Spiegelung auf dem Wasser als Wegbeleuchtung zufrieden zu sein.

Aber es geht, die Augen gewöhnen sich daran und das Meer bietet nun mal sehr viel Platz. Rundum kein Licht was auf ein anderes Schiff deutet. Ab und an mal ein kleiner Punkt auf dem Radar, zu weit entfernt als dass die Erdkrümmung die direkte Sicht durch das Fernglas ermöglichen würde. Alles was weiter als 5 Seemeilen (9 Km) entfernt ist, verschluckt die Erdkrümmung.

Rammen auf See?

Doch dann, in den frühen Morgenstunden erscheint ein Licht am Horizont, auf ca. 4 Uhr. Die Lichterkennung zeigt uns, dass es sich um ein Schleppnetz-Fischereischiff handelt. Nichts ungewöhnliches, wobei es sich in der folgenden Stunde immer weiter unserer Position nähert. Wir segeln mit 6 - 8 Knoten (11 - 14 km/h).

Solch ein Fischerei -Trawler fährt gut die doppelte Geschwindigkeit. Wie von einem Magnet angezogen nähert er sich uns immer weiter von Steuerbord (rechts), bedrohlich nahe... Die Schifffahrtsregeln gewähren ihm Vorfahrt.

Die wachhabende Crew bespricht, wie die Situation am besten zu klären ist. Bei Fahrt unter Segel ist die Möglichkeit auszuweichen von der Windrichtung abhängig. In der aktuellen Situation sind unsere Ausweichmöglichkeiten sehr begrenzt. Der Kapitän entscheidet unser Tempo zu drosseln, damit der Trawler vor uns kreuzen kann.

Vorfahrt gewähren, Segel einholen

Also muss die Crew flux beginnen Segel einzuholen. Zuerst den "Flieger". Dies ist das vorderste Segel vor dem Bug, an der Spitze des Klüverbaumes, also außerhalb des Schiffes. Mit Hilfe der Deckbeleuchtung ist das auch im Dunkeln möglich - aber nicht ganz ungefährlich. Vier Meter über dem Wasser bei Dunkelheit und unter Fahrt zu hantieren macht nicht wirklich Spaß...

Der Trawler lenkte dann übrigens ein und fuhr neben uns, anstatt seine ihm gegebene Vorfahrt zu nutzen und weiter zu fahren. Er kam uns teilweise so nahe, dass wir fünfmal das Nebelhorn betätigten um ihm klar zu machen, dass sein Manöver für uns unter Segeln ganz schön gefährlich ist

Und wieder eine bestandene Bewährungsprobe!

Ansonsten fahren wir diese Nacht drei Mal eine "Halse". So nennt man einen Kurswechsel, bei dem man mit dem Heck "durch den Wind fährt", damit man diesen von der anderen Seite in die Segel bekommt. Also wenn der Wind z.B. bisher von Backbord (links) geblasen hat und man einen neuen Kurs fahren möchte, der mit der bisherigen Windrichtung nicht möglich ist, macht man eine ca. 90° Kurve, verändert in diesem Moment die Position der Segel und hat den Wind damit auf der gegenüberliegenden Seite der Segel. In unserem Beispiel also würde der Wind dann von Steuerbord (rechts) blasen.

Entspannung nach der Aufregung

Der kommende Tag verläuft entspannt. Zum Nachmittag flaut der Wind ab, weshalb wir mit Motorkraft weiterfahren bis in die Nähe von Lissabon, eine Stadt an der portugiesischen Atlantikküste. Wir ankern sozusagen in einem Binnengewässer welches vom Atlantik durch eine langgezogene Dünenlandschaft getrennt ist.

Hier ist das Wasser ruhig und die Temperaturen merklich höher als in Spanien, so dass wir ohne Zeitdruck den idealen Wind abwarten können um weiter zu segeln.

Wir halten Dich hier auf dem Laufenden wie es weitergeht!

Für heute Manfred

Kapitän auf Kurs
Volle Fahrt
Sonnenaufgang
Eon tröstet ihren seekranken Papa