Unerwartet in Marokko

17.12.2021

Heute ein Blog-Beitrag von Simone über unseren ungeplanten Halt an den marokkanischen Küsten. Eine stürmische Nacht und Dieselknappheit zwangen uns zur Kursänderung und Stopp in Marokko.

Es ist 6.00 Uhr morgens. Ich stehe an der Reling der Stahlratte und angle auf Calamari. Um mich herum Stille. Mein Blick wandert weiter. Steuerbord. Zu den Ausläufern des Atlasgebirges. Schön und imposant. Wir ankern vor einem kleinen Kap vor Agadir... Marokko... Afrika.

Ich reise in meinen Erinnerungen. Zu den letzten drei Tagen. Alles begann wie in einem Alptraum.

Die stürmische See mit ihren heftigen Wellen. Die Dunkelheit. Weit draußen auf dem Atlantik. Eine kräftezehrende Herausforderung. Grenzerfahrung für unsere Gemeinschaft.

Die uns mit wenig Diesel im Tank zur Kursänderung zwang. An die afrikanische Küste Marokkos.

Zielhafen: Essouira

Unser Leben in Togo hat mich geprägt. Damals in Afrika war alles möglich - oder einfach nichts. Klopfst du an die richtige Tür, begegnest du helfenden Herzen. Oder du steckst fest in einem Dschungel aus Bürokratie, Korruption und Profitgier. Schnelles Ende oder zügige Weiterreise? Die allgemeine Anspannung spornt mich an. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Mal wieder.

Die erste Kontaktaufnahme mit dem Funkgerät misslingt. Funkstille.

In der Ferne verlassen Fischerboote einen kleinen Hafen. Oder laufen ein. Wir winken. Wollen auf uns aufmerksam machen. Erfolglos. Endlich. Ein kleines Motorboot steuert auf die Stahlratte zu. Mit zwei Polizisten an Bord. Sie sprechen französisch. Ein Problem? Die Worte passieren vertraut meine Lippen. Ich bin erleichtert. Formalitäten werden geregelt. Informationen ausgetauscht.

Ein Tau des marokkanischen Bootes reißt. Und der marode Gesamtzustand des Gefährtes tritt für einen Augenblick in den Vordergrund.

Dann die ernüchternde Bilanz: Die Grenzen nach Europa sind zurzeit verschlossen. Die Seegrenze nicht passierbar. Ergo: Landgang für uns ausgeschlossen.

Am Hafen gibt es eine kleine Tankstelle. Sie vertreibt Kraftstoff ausschließlich für die einheimischen Fischer. Ihr letzter guter Rat: Passt auf mit dem gepanschten Diesel der Einheimischen. Aber in Agadir habt ihr eine Chance.

Wir sitzen fest. Unser Internet liegt still. Telefonieren ohne SIM-Karte nicht möglich.

So schnell wollen wir nicht aufgeben. Noch haben wir Hoffnung auf eine Möglichkeit vor Ort.

David, Timo und ich fahren mit dem Dingi zum Fischerhafen. Um vielleicht einen Kontakt zu einem einheimischen Fischer zu finden. Irgendwas. Irgendjemand.

Ein Fischerboot reiht sich neben das andere. Gegerbte Gesichter blicken uns an. Beobachten uns. Freundlichkeit, Neugier, Argwohn. Es riecht nach Tang, Meer, Salz und Fisch. Wir fahren unter triefenden Tauen hindurch. Abenteuerlich. Und gewöhnungsbedürftig.

Von einer Felsmauer aus ruft uns ein Marokkaner zu. Fragt nach unseren Belangen. Schnell wird die Menschenmenge größer. Man empfiehlt uns, wegzufahren.

Was bleibt, ist eine zweifelhafte Alternative in der Nacht. Illegal. Für uns undenkbar. Und eine neue SIM-Karte, die uns ein junger Einheimischer mit Surfbrett besorgt. Ihm gefällt die Ratte. What an amazing ship !!!

Wir kalkulieren erneut unseren Dieselvorrat. Rein rechnerisch ist Agadir möglich. Das Internet bestätigt einen offenen Hafen mit Tankstelle. Wir entscheiden uns für die Überfahrt. Auch aus Mangel an Alternativen. Und der Hoffnung auf Schutz vor einem neuen bevorstehenden Sturm. Wir müssen weg, sonst sitzen wir fest.

Ziel, Ankunft vor der Küste Agadirs

Wieder früh am Morgen. Sonnenaufgang. Alles beginnt wie in einem schlechten Film: Kein Funkkontakt möglich. Die Telefonleitungen im Hafen nicht besetzt. Nicht schon wieder. Der Schiffsmotor wird abgestellt.

Und ich verstehe die Sinnbedeutung des Ausdrucks: Wir dümpeln vor uns hin. Was nun?

Unsere Kinder sind toll. Erfreuen sich am Frühstück, der Küste, ihren Spielen...

Immer wieder versuchen wir anzufunken. Zu telefonieren. Nichts.

Gegen 10.00 Uhr dann endlich. Das Telefon klingelt. Ein Hafenmitarbeiter erklärt: Tanken nicht möglich. Geschlossene Seegrenze. Ich erkläre unsere Situation. Die Misere. Der leere Tank. Die stürmischen Wettermeldungen für den nächsten Morgen. Die Kinder an Bord. Eine dringliche Bitte um Hilfe.

Ihm fällt nichts ein. Man darf vor Agadir auch nicht ankern.

Dasselbe in der Kapitänerie. Ein freundlicher Mann zeigt Mitgefühl. Gibt mir eine weitere Durchwahl. Bonne Chance. Leider funktioniert die Nummer nicht. Bloß nicht verzweifeln. Und wieder zurück zum Anfang. Es geht auf Mittag zu. Kritisch. Sven drängt. Versuchs nochmal im Hafen. OK. Nochmal von vorne. Derselbe Mann. Mit neuer Auskunft. "Ich hab versucht zu helfen. Aber der Zoll lehnt ab." Stille. Aber er gibt uns die Funkkoordinaten für die Marina. Basti funkt an. Diesmal klappts. Hier geht es weiter. Sie bitten uns zu warten. Wir warten. Sie erfragen nochmal Personenzahl, Nationalität, Schiffsdaten. Und fordern wieder zum Warten auf...

Warten? Nochmal woanders anrufen? Vertrauen?
Dann das erlösende "Hallo. Wir können ihnen helfen."

Hilfe. Erleichterung. Durchatmen.

Sie wollen ein Schiff rausschicken. Es soll die Stahlratte auf offener See betanken. In einer Stunde. Eine afrikanische Stunde ist lang. Es können auch mal 2 bis 3 Stunden werden. Aber sie gehen vorüber. Und es kommt tatsächlich einer an.

Am Nachmittag. Ein Kutter. Befendert und mit einem 1000 Liter Tank Diesel an Bord. Endlich. Taue werden rüber geworfen und an der Stahlratte befestigt. Bange Minuten. Nutzen sie die Situation aus und wollen mehr Geld für Sprit und Anfahrt? Der Kapitän kommt aus dem Ruderhaus. Nicht George Clooney, nicht Wayne Johnson. Ein älterer Mann, vom Leben gezeichnet. Ein Franzose, der seit 50 Jahren hier heimisch ist. Ein einfacher Mann. Freundlich lächelnd. Wir sind uns schnell einig.

Der Tank füllt sich langsam aber stetig. Eine einfache Pumpe der Marokkaner machts möglich.

Ein kurzer Ausfall des technischen Gerätes bringt Niemanden aus der Ruhe. Ist schnell repariert. Wir tauschen Geschichten aus. Es wird gelacht. Sie schenken uns Köder zum Angeln. Wie nett.

Wir fragen den Kapitän nach einer Ankermöglichkeit. Er ist ein alter Hase und lädt Sven auf sein Schiff ein. Er hat Kontakte. Und zu guter Letzt gewähren uns die marokkanischen Behörden eine sichere Ankermöglichkeit an einem kleinen Kap vor Agadir. Gemeinsam haben wir die Türen der helfenden Herzen gefunden. Vielen Dank!

Und in der Gewissheit, von schöpferischer Liebe getragen und unterstützt gewesen zu sein. Danke!

Ganz besonders bedanken wir uns bei Kapitän Andre Chenevée von Action Shipping SARL, Tel. +212 600 50 22 48

Ohne ihn wären wir nicht weiter gekommen!